„Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt!“

So hat es Gustav Heinemann, einer der deutschen Bundespräsidenten gesagt – im Jahr 1950, am Beginn der leidenschaftlichen Debatte um die Wiederbewaffnung Westdeutschlands fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Im Dezember eines jeden Jahres, in den Wochen vor Weihnachten, feiern die Christen „Advent“. Das lateinische Wort Advent bedeutet: „Gott kommt!“ Das bezieht sich auf den ersten Blick auf Weihnachten, auf die Geburt Jesu, den die Christen als Messias, als Retter feiern. Aber auf den zweiten Blick ist Advent noch viel grundsätzlicher gemeint. Denn der christliche Glaube sagt ja nicht nur, dass mit Jesus der Messias, der Retter gekommen ist. Sondern auch, dass Gott weiterhin kommt, und wiederkommt, heute, und am Ende der Zeit als Richter der Weltgeschichte. Einmal, so die Hoffnung, die sich darin ausdrückt, einmal soll es gut werden. Das ist nicht als Vertröstung auf ein Jenseits gemeint, sondern das soll Christen inspirieren, sich schon hier und heute dafür einzusetzen, dass diese Welt ein guter Ort ist, ein Ort, an dem Menschen, alle Menschen, gut leben können.

Scheinbar widersprüchlich zu dieser Hoffnung aber scheint die Art und Weise zu sein, mit der Gott in seine Schöpfung kommt. Die biblische Weihnachtsgeschichte erzählt, dass Jesus unterwegs geboren wurde, ohne ein festes Dach über dem Kopf, und auf der Flucht vor den Morddrohungen eines Königs, der sich von seinem Kommen in seiner Macht bedroht sieht.

Man fragt sich unwillkürlich: Wie soll denn ein solches Flüchtlingskind helfen? Was hat sich damals schon groß verändert? Und was sollte das heute verändern?

Zu meiner Kindheit und Jugend war die Welt noch aufgeteilt, in Ost und West. Auf der einen Seite der Kapitalismus und auf der anderen Seite ein real gelebter Sozialismus. Aber das Ende der einen Hoffnung auf Fortschritt und Weltverbesserung führte jetzt wahrlich nicht zu einer versöhnteren Welt. Vielmehr ist die Welt unübersichtlich geworden. Und mit dieser Unübersichtlichkeit wächst der Wunsch nach einfachen Antworten. Zunehmend werden Politiker zu Staatsoberhäuptern gewählt, die – so scheint es mir – ihre Aufgabe weniger darin sehen, konkret Probleme anzugehen, sondern Politik vor allem für die Bühne betreiben. Äußerlichkeiten und Befindlichkeiten treten in den Vordergrund, Sachfragen und Tatsachen treten in den Hintergrund. Der Volkszorn wird am Kochen gehalten.

Andersdenkende werden niedergeschrien, es wird schamlos gelogen, Kritiker werden eingesperrt und manchmal geht man im wahrsten Sinne auch über Leichen.

„Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt!“ Die Herren dieser Welt haben nicht das letzte Wort. Das glauben zu dürfen, tut gut, auch wenn es dieser Tage oft schwer fällt.

Nichts in dieser Welt ist beständig. Auch Zyniker und Diktatoren werden sterben. Bitter ist allerdings, dass bis es so weit ist, viele Menschen Schaden nehmen oder ums Leben kommen, bevor der Wahnsinn ein Ende findet.

Dagegen steht die subversive Hoffnung des Advent, dass der Blick auf das verletzliche Kind in der Krippe, das zum heimatlosen Flüchtling wurde, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit in uns wachhält und Eigenschaften in uns weckt, die stärker und menschlicher sind als aufgeputschter „Volkszorn“: Mitleid, Solidarität, Fürsorglichkeit und langer Atem. Das Kind in der Krippe sagt uns, dass Leben und Liebe die Werte sind, von denen und für die wir leben.

Ihnen allen eine erfüllte Adventszeit, gesegnete Weihnachten und ein gesegnetes Jahr des Herrn 2019.

Ihr Pfr. Rainer Wilmer

ANGEDACHT 2018

Februar Claudia Günther Frühjahrsputz für die Seele!
Mai Rainer Wilmer „Halte deine Träume fest...“
Juni Sieghard Flömer Bin im Garten!
Juli Sieghard Flömer Nur mal angedacht...
September Silke Reinmuth Ganz schön ewig...
November Silke Reinmuth Herbst – November – Winterzeit!
Dezember Rainer Wilmer „Man muss auch mal abwarten können“
Dezember Rainer Wilmer "Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt!"